KULTUR-INFARKT: Eine Buchvorstellung mit lokalem Bezug
Dresden ist eine Kulurmetropole. Soweit das propagierte Klischee und eines der bedeutungsschwächsten Bullshit-BINGO-Wörter, die man allenthalben hört.Kultur ist natürlich ganz groß in Dresden, insbesondere im Kontext von Architektur und historischem Wert – also im bewahrenden, sammlerischen Sinn. Aber Dresden ist ganz sicher keine Metropole und das ist auch gut so. Denn was die Stadt übersichtlich und gemütlich macht, haben echte Metropolen schon längst verloren.
Nur leider versuchen notorisch größenwahnsinnige Landes- und Kommunalpolitiker genau das zu ändern und so wird in einer Landeshauptstadt schon mal ganz weltstädtisch Geld zum Fenster rausgeblasen ohne Ende.
In diesem Kontext habe ich mal ein sehr empfehlenswertes Buch unter die Lupe genommen:
KULTUR-INFARKT. Von allem zuviel und überall das Gleiche. Dieses im Feuilleton sehr heftig diskutierte Buch räumt mal mit dem ganzen Blödsinn um Kulturförderung auf und zeigt beängstigende Fakten, die sehr nah an sehr aktuellen Entscheidungen unserer Lokalpolitik sind.
Deshalb habe ich mich entschlossen, die Erkenntnisse des Buches parallel hier mit Zahlen aus Dresden zu untermauern, so sie denn öffentlich zugänglich waren/sind.
So war in einem Zeitungsartikel einer Leipziger Zeitung zu lesen, dass es ja in Dresden noch vorstellbar sei, die Semperoper mit Sitzplatzpreisen von 250 € dennoch zu füllen – aber im ländlichen Sachsen (& – Anhalt) sei das nun mal nicht vorstellbar und so findet man dort die höchstsubventionierten Theaterkarten im ganzen Bundesgebiet.
Was die Frage aufwirft, die sich eigentlich die Semperoper selbst finanziert:
| Einrichtung | Auslastung | Kostendeckungsgrad | jährl. Zuschuss |
| Semperoper 500 Beschäftigte |
90 – 96 % | 40 – 47 % | 30 – 40 Mio. |
| Staatsschauspiel 380 Beschäftigte |
k.A. | k.A. | 15 Mio. |
| Landesbühnen | k.A. | 13 % | 12 Mio. |
Nun die kommunalen Einrichtungen:
| Einrichtung | Auslastung | Kostendeckungsgrad | jährl. Zuschuss |
| Operette | 80 % | 13 % | 12 Mio. |
| Philharmonie | 71 % | 16 % | 12 Mio. |
| Bibliotheken | k.A. | 10 % | 9,3 Mio. |
| TJG | 60 % | 4,4 % | 7 Mio. |
| Hellerau | 60 % | 18 % | 3 Mio. |
| Kreuzchor | k.A. | 17 % | 2,4 Mio. |
| Musikfestspiele | 75 % | 40 % | 1,4 Mio. |
| Jugendkunstschule | k.A. | 21 % | 1,0 Mio. |
| Societätstheater | k.A. | k.A. | 0,7 Mio. |
| Theater Rudi | 80% | 11 % | 0,4 Mio. |
| Grafikwerkstatt | k.A. | 21 % | 0,1 Mio. |
Quelle: Landesrechnungshof, Wirtschaftsberichte der Landeshauptstadt Dresden, diverse Zeitungsartikel zum Thema
Damit ist die Semperoper die mit Abstand rentabelste große öffentliche Kultureinrichtung in Dresden. Und dennoch wird jede Karte mit durchschnittlich 95 € gefördert. Es sind also entweder die Kosten für den Betrieb der Oper viel zu hoch oder aber man muss einsehen, dass Oper eine sehr teure Veranstaltung ist und muss über den Kartenpreis eben einige Käuferschichten von der Veranstaltung fernhalten. Da aber -empirisch bewiesen- ohnehin der Geringverdiener eher selten in der Oper ist, könnte man mit der bisherigen Förderung dieser Einrichtung viele kleine, sinnvollere Projekte umsetzen.
Eine Kultureinrichtung muss wirtschaftlich zu betreiben sein
Früher wurden Theater gebaut, um Geld damit zu verdienen – gleiches gilt heute noch für den Zirkus, für die großen Musicals, für private Kabaratts und Kleinkunst jeglicher Couleur.
Da durchweg bei allen untersuchten Kultureinrichtungen die Personalkosten den mit Abstand größten Kostenpunkt ausmachten (60-95%), heißt es also im Umkehrschluss, dass zu viel Geld für das Personal ausgegeben wird oder die Karten einfach zu billig sind oder das Personal zu wenige Vorstellungen spielt, um rentabel zu sein.
Da Karten privater Veranstalter in ähnlichen Preissegmenten angesiedelt sind, lass ich mal die Kartenpreise weg – auch wenn das der einfachste Hebel ist.
Es wäre also zu untersuchen, wie sich die Grenzkosten einer Veranstaltung verhalten, also welche Mehrkosten entstehen würden, wenn man mit den vorhandenen Mitteln einfach eine Vorstellung pro Monat mehr geben würde.
Das ist betriebswirtschaftlich primitivster Stoff, aber wird von den betroffenen Kultureinrichtungen konsequent ignoriert – was der Landesrechnungshof zwar deutlich rügt – aber passieren wird deshalb nichts.
Wenn nämlich die Grenzkosten einer Veranstaltung niedriger liegen, als die zu erwartenden Einnahmen, ließe sich der Kostendeckungsgrad der Kultureinrichtungen steigern, indem weniger geprobt / gebaut / neu inszeniert wird, sondern indem man einfach das Repertoire öfter spielt.
Sind die Grenzkosten hingegen höher als die zu erwartenden Einnahmen, sollte man das entsprechende Haus einfach schließen oder sich damit abfinden, dass die betreffende Einrichtung kulturell so wichtig ist, dass man auch gleich ganz auf Eintritt verzichten kann (z.B. das TJG – bei den geringen Einnahmen sollte dort vielleicht die Kasse ganz eingespart werden).
Aber in Dresden wird nach dem Gießkannenprinzip verteilt – unabhängig von Sinn und Unsinn der Kulturförderung. Wofür genau Oper und Staatsschauspiel 880 (!) Beschäftigte brauchen, ist unklar und wird auch nicht hinterfragt
…Kultur kostet halt Geld, sonst wär es keine Kultur…
Wieso? Es gibt tatsächlich Kultureinrichtungen, die rentabel arbeiten: Die gesamte Musikindustrie ist so ein Feld, private Galerien, Programmkinos.
Und mit jedem neuen Kulturprojekt steigt das Angebot, ohne dass die Nachfrage auch steigen würde und so werden alle Einrichtungen noch unrentabler und es kostet noch mehr, die einmal gebauten Strukturen zu erhalten.
Und wenn ich nur den Bestand erhalten kann, bekommt man auch keine Innovationen mehr. Es hemmt den Fortschritt, es ist eine Spirale nach unten.
Aus diesem Blickwinkel sind Projekte wie der Kulturpalast-Umbau oder die neue Operette oder wilde Spekulationen, ein neues Konzerthaus zu bauen, nicht nur investive Massengräber – sondern garantieren durch deren Betrieb weitere Milliardenverluste in der Zukunft.



















